Die Hochebene Meseta Central im Dreieck Burgos, Valladolid und León in Nordspanien war im gesamten Finsternispfad eine der wettersichersten Regionen und erlebte eine fantastische totale Sonnenfisternis am Abendhimmel bei absolut perfekten Wetterverhältnissen.
Beitrag: Thomas Baer (aus Becerril de Campos)
Schon Tage im Voraus spürte man in der ländlichen Gegend um Becerril de Campos, knapp nordwestlich von Palencia, dass etwas in der Luft liegt. Ungewohnt viele internationale Touristen bevölkerten auf einmal das stille Dörfchen; alles Leute, die extra aus Kalifornien, England und aus anderen Teilen der Welt für diese kurzen 1 Minuten und 44 Sekunden extra nach Spanien gereist sind. Wie fast immer bei Sonnenfinsternissen, trifft man Leute mit denselben Interessen, fachsimpelt noch am Vorabend über Astronomie bei einem leckeren Käse-Essen und anderen regionalen Spezialitäten in einer fast schon familiär-vertrauten Atmosphäre.
Ein Anblick, wie ein Gemälde
Noch nie hatte ich bislang eine totale Sonnenfinsternis in den Abendstunden und bei so tiefem Sonnenstand erlebt. Umso eindrücklicher empfand ich das kurze totale Verschwinden der Sonne diesmal. Wir wählten einen Standort wenige Kilometer östlich von Becerril, da wir für unseren Livestream auf dem Feld einen Platz mit guten Übertragungsdaten benötigten. Nach längerem Suchen an den Vortagen fanden wir schliesslich den geeigneten Ort neben einem Sonnenblumenfeld mit freier Sicht nach Westnordwesten.
Meine bereits zehnte totale Sonnenfinsternis würde ich als eine der malerischsten einordnen. Schon eine Viertelstunde vor Eintritt der Totalität veränderte sich das Licht und die Farben auf unnatürliche Weise. Die Härchen am Stil einer Sonnenblume zeichneten gestochen scharfe Konturen, was wir den vielen virtuellen Zusehern live präsentieren konnten.

Legende zu den Bildern: Durch die abendliche Situation zeigte sich die Sonnenkorona diesmal golden. Eine mächtige Protuberanz war mit blossem Auge auf der linken Seite zu sehen. Doch dieser unbeschreibliche Anblick verflog im Nu. Nach 1 Minute 44 Sekunden löste sich der Zauber wieder auf. (Bilder Thomas Baer)
Wie in einem Zeitraffer schritt nun das Eindämmern immer rascher voran. Die Sonne brannte längst nicht mehr wie noch vor einer Stunde. Inzwischen stand nur noch eine hauchdünne, aber gleissend helle Sichel am Himmel; ein kurzer Moment zum Innehalten, wie es in der Schweiz wohl war. Bei uns aber ging das Dunkelwerden unvermindert weiter, und aus Nordwesten brauste der Mondkernschatten mit 2’973 km/s Geschwindigkeit heran. Jetzt ging es rasch: Die eine Hand bereit zum Entfernen des Sonnenfilters, die andere zum Auslösen der Fotokamera. Noch 30 Sekunden! Es war 20:28:57 Uhr MESZ. Der Diamantring wurde sichtbar, schemenhaft die innere Korona und eine riesige Protuberanz in Richtung neun Uhr. Die letzten Lichtperlen verschwanden, und da war er wieder, dieser magische Moment, auf den man so lange hin gefiebert hatte. Diesmal war es, als würde man aus grosser Distanz ein Gemälde betrachten. Die Sonne stand da mit ihrer fransenartigen Korona. Ringsherum, pinkfarben, sah man Protuberanzen aufragen, und wenn man in die Natur lauschte, war es für einen Augenblick totenstill.
Sonnenfinsternis-Hype in der Schweiz
Wie sehr eine Sonnenfinsternis die Menschen begeistern kann, zeigte sich nicht nur hier in Spanien. Auch in der Schweiz, wie wir dank vieler Kontakte und zugesandter Bilder erfahren und sehen konnten, löste das Ereignis einen regelrechten Hype aus, so als müsste der Schlechtwetterfrust von 1999 diesmal in vollen Zügen verarbeitet werden!
Optik-Filialen wie Foto Video ZUMSTEIN mussten den Sofi-Brillenverkauf kurzerhand ins freie Verlegen. Die Warteschlangen erstreckten sich nicht selten auf mehrere hundert Meter Länge! Und am Finsternisabend selbst wurde so manche Sternwarte förmlich überrannt, etwa in Bülach, wo es auf der Kantonsstrasse zeitweilig einen Rückstau bis ins Unterländer Städtchen hinab gab. Wohl Tausende Menschen machten es sich entlang der Waldränder oder auf den abgemähten Feldern bequem, um dem Freiluftspektakel beizuwohnen. Dass eine Sonnenfinsternis die Menschenmassen dermassen bewegen kann, zeigt, dass der Reiz dieses Ereignisses bis in die heutige Zeit an Wirkung nichts verloren hat. Und wie sagt man so schön; nach der Sonnenfinsternis ist vor der nächsten Sonnenfinsternis, denn bereits am 2. August 2027 wird sich der Mond ein nächstes Mal vor die Sonne schieben, in der Schweiz dann zu gut 55%, über der Strasse von Gibraltar und entlang der nordafrikanischen Küste abermals total; Dann wird neben Südspanien das Niltal zum eigentlichen «Hotspot», wo die Sonne sich während 6 Minuten 23 Sekunden komplett hinter dem Mond versteckt. Es wird die zweitlängste totale Sonnenfinsternis des gesamten 21. Jahrhunderts sein. Und ja: Werfen Sie ihre erworbene Sofi-Brille nicht weg! Diese können Sie auch 2028 und 2030 gleich zwei weitere Male gebrauchen.